Quelltöpfe im Epizentrum der Flutung

25.09.2015

Foto: Paul Munzinger

Märchenwald unter Wasser: Die Quelltöpfe am Rhein

 

In den Rheinwäldern zwischen Breisach und Burkheim liegt eine fast unbekannte Unterwasserwelt, die schon bald verschwinden könnte. Tauchgang in ein Paradies vor der Haustüre.

Kristallklar und wunderschön: Zwischen Breisach und Burkheim liegen, versteckt in den Auenwäldern des Altrheins, 18 Seen, die von unterirdischen Quellen gespeist werden. Der Waltershofener Unterwasserfotograf Paul Munzinger versucht die einmalige Unterwasserwelt vor den, vom Regierungspräsidium Freiburg geplanten, ökologischen Flutungen zu retten – und taucht dafür regelmäßig ab.

Behutsam zieht sich Paul Munzinger Taucherflossen an. Er spuckt in seine Taucherbrille, zieht sie entschlossen übers Gesicht. Dann stößt er sich vom Ufer ab – und verschwindet unter der Wasseroberfläche. Hier erwartet ihn eine eigene Welt: Meterlange Algen hängen wie Fahnenstangen zwischen dem Grund und der spiegelnden Wasseroberfläche, die Sicht reicht bis an das 25 Meter entfernt liegende Ufer. Am Grund strömt kaltes Wasser aus kleinen Öffnungen, die wie Miniaturvulkane aussehen. Alles gehüllt in einen blassen Nebel – Paul Munzinger ist angekommen in seinem "Unterwasser-Märchenwald". Er bewegt sich langsam. Wie in Zeitlupe taucht er den gesamten See ab. Prüft mit geschultem Blick das Algenwachstum und nimmt Proben von Ablagerungen am Boden.

Nach einer Stunde steigt er aus dem Wasser – mit einem Lächeln im Gesicht. "Etwas so Schönes habe ich bisher nirgendwo entdeckt", sagt er – und Munzinger hat schon viel gesehen. Vom Great Barrier Reef vor der Küste Australiens bis zum minus 1,5 Grad kalten Wasser des Beringmeers: In vielen Gewässern der Welt war der 64-Jährige schon auf Tauchstation. Mehr als 12.000 Tauchgänge hat er vorzuweisen. Doch seine liebsten Orte unter den Wellen sind und bleiben die Quelltöpfe im Rheinwald zwischen Burkheim und Breisach. "Dieses Unterwasserpanorama ist ökologisch mindestens so wertvoll wie der Taubergießen", schwärmt er, während er sich seinen schweren Trockentauchanzug auszieht.


Quelltöpfe im Epizentrum der Flutung

Dass die seltenen Quellgewässer vor Burkheim – anders wie beispielsweise der Taubergießen – weitestgehend unbekannt geblieben sind, hat Munzinger bislang wenig gestört. "Zum Schutz der Quellen ist es eigentlich gut, wenn so wenig Menschen wie möglich von ihrer Existenz wissen", sagt er. Doch seit einigen Jahren hat sich die Lage geändert.

Mit der vom Regierungspräsidium geplanten ökologischen Flutung soll der Bereich der alten Rheinauen zwischen Breisach und Burkheim etwa 60 Tage im Jahr mit Rheinwasser geflutet werden. Damit soll die Natur an Überflutung gewöhnt werden, die im Falle eines Hochwassers auf das Gebiet zukäme. Das Problem dabei: Auch die seltenen – laut Munzinger in Europa sogar einmaligen – Quelltöpfe befinden sich genau im Epizentrum der geplanten Flutung.

"Sollte es dazu kommen, werden die wunderschönen Gießen aussterben", warnt Munzinger. Vom Rhein mitgeführter Schlamm würde sich dann absetzen und die unter dem Wasser befindlichen Quelltöpfe verstopfen. "Das wäre das Aus für seltene Algen und Fische", so Munzinger. Er kämpft daher als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Limnologie (AGL) zusammen mit der Bürgerinitiative Breisach-Burkheim und der Stadt Breisach gegen die Pläne des Freiburger Regierungspräsidiums.

Statt der geplanten großflächigen Flutung setzten sich Munzinger und seine Mitstreiter für eine Alternative ein: die sogenannte Schlutenlösung Plus. Dabei sollen die vorhandenen Schluten (natürliche Einsenkungen der einstigen Rhein-Mäander, Anm. d. Redaktion) im Altrhein-Gebiet bis zum oberen Rand geflutet werden. "So würde ein natürlicher, geschlossener Wasserweg parallel zum Rheinkanal entstehen", sagt Munzinger. Alles andere mache in seinen Augen wenig Sinn: "Es wäre eine Schande, diese schützenswerten Seen für die ohnehin fragwürdigen Flutungen zu opfern", sagt Munzinger.

Dass Ökologie-Experten die Einwände der ALG skeptisch betrachten und dass auch die bereits erfolgten Flutungen des Kulturwehrs Kehl/Straßburg, der Polder Altenheim und der Polder Söllingen/Greffern nicht zum Umwelt-Super-GAU geführt haben, das stört den 64-Jährigen kaum. Jeden zweiten Tag fährt er in das Waldgebiet am Rheinufer. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die empfindlichen, unter Naturschutz stehenden Ökosysteme zu inspizieren. Vom Umweltamt der Stadt Breisach hat er dafür eine offizielle Genehmigung erhalten. "Mit meiner Arbeit unterstütze ich aktiv die Gewässeraufsicht vor Ort", sagt Munzinger, für den der Schutz der Quelltöpfe längst zur Obsession geworden ist.

Seine besondere Beziehung zu den Gewässern rund um Freiburg entstand vor mehr als 40 Jahren. Damals war Munzinger Architekturstudent, hatte wenig Geld. Statt in die große Welt zu reisen, tauchte er gemeinsam mit seiner Frau die Flüsse und Seen in der Region ab. Eines Tages landete er dann mit seiner Taucherflasche in einem der seltenen Quelltöpfe. "Schon wegen der geringen Wassertemperatur von gerade einmal 12 Grad wusste ich sofort, dass hier etwas anders ist." Sein erster Eindruck bestätigte sich beim Blick unter die Wasseroberfläche. Während die übrigen Gewässer in der Region nur sehr geringe Sichtweiten erlauben, ist das Wasser in den Quelltöpfen nämlich kristallklar. "Das liegt daran, dass über unterirdische Quellen permanent kaltes Quellwasser in den See gedrückt wird." Selbst im tiefen Winter, wenn die übrigen Gewässer in der Region gefrieren, bleiben die Quelltöpfe frei von Eis.

Zwölf Grad kalt ist das türkis schimmernde Wasser auch an diesem Tag in dem kleinen See mitten im Wald. Die Sonne scheint auf die glatte Oberfläche. Paul Munzinger steht auf einem abgesägten Baumstumpf am Ufer und überblickt das Gewässer, wie ein König sein Reich. Eine Stunde hat er im "Märchenwald" verbracht.

"Ich will hier so wenig aufwirbeln, wie möglich", erklärt er seine butterweichen Bewegungen während des Tauchgangs. "Schon jetzt sind diese Seen stark verschlammt und müssten eigentlich schleunigst gereinigt werden, damit die Quellen nicht versiegen", warnt Munzinger. Auch die Reinigung und ein baulicher Schutz vor Rheinhochwasser seien daher Bestandteil der Schlutenlösung Plus.

Am 25. September will das Regierungspräsidium verkünden, ob die von der AGL vorgeschlagene Schlutenlösung oder die bereits seit Jahren vorangetriebene ökologische Flutung in das Planfeststellungsverfahren übergehen wird. Sollten die Experten beim Regierungspräsidium nichts für den Erhalt der Quelltöpfe unternehmen, will Munzinger zusammen mit seinen Mitstreitern gegen die Behörde vorgehen. "Wenn nötig auch bis in die höchste Instanz", kündigt er an.

Egal wie sich die Behörde entscheidet, Munzinger wird auch weiterhin auf Tauschstation gehen. "Autoreifen, Kühlschränke, Waschmaschinen. Das alles finde ich regelmäßig im Wasser – ohne regelmäßige Tauchgänge würden die Seen am Rhein zumüllen – eine Lobby haben Unterwassernatur und Fische nämlich nicht."

 

Den ungekürzten Text können Sie hier einsehen.
Zum BZ Artikel
Quelle BZ-Artikel vom Mi, 23. September 2015